Infrastruktur8. September 20268 Min. Lesezeit

Proxmox statt VMware: Wann sich der Wechsel für KMU lohnt

Seit der Übernahme von VMware durch Broadcom haben sich Lizenzmodell und Kosten für viele KMU stark verändert. Proxmox VE ist eine ernsthafte Alternative. Aber nicht für jede Umgebung. So treffen Sie die Entscheidung auf einer belastbaren Grundlage.

Für viele KMU war VMware vSphere jahrelang die selbstverständliche Virtualisierungsplattform. Gekauft, betrieben, bei Bedarf erneuert. Mit der Übernahme durch Broadcom hat sich das grundlegend geändert. Viele Unternehmen stehen bei der nächsten Verlängerung vor deutlich höheren Kosten und einem Lizenzmodell, das nicht mehr zu ihrer Grösse passt.

Proxmox Virtual Environment (Proxmox VE) wird dabei oft als naheliegende Alternative genannt. Wir betreiben selbst eine eigene Proxmox-Umgebung und kennen die Stärken und die Grenzen aus dem Alltag. Dieser Artikel hilft Ihnen einzuschätzen, ob sich der Wechsel für Ihre Umgebung lohnt.

Was sich bei VMware geändert hat

Nach der Übernahme hat Broadcom das Produktportfolio und das Lizenzmodell umgebaut. Die wichtigsten Punkte, allgemein zusammengefasst:

  • Nur noch Subscriptions: Unbefristete Lizenzen mit separatem Support werden nicht mehr verkauft. Es gibt nur noch zeitlich befristete Abonnements.
  • Bundles statt Einzelprodukte: Viele Einzelprodukte sind in wenigen grossen Paketen aufgegangen. Wer bisher nur einen Teil benötigt hat, bezahlt unter Umständen für Funktionen mit, die er nicht nutzt.
  • Lizenzierung pro Core: Abgerechnet wird nach CPU-Cores mit Mindestmengen. Für kleine Umgebungen kann das überproportional ins Gewicht fallen.
  • Veränderte Partnerlandschaft: Auch das Partnerprogramm wurde umgestellt. Manche bisherigen Ansprechpartner dürfen VMware nicht mehr direkt verkaufen.

Die konkreten Konditionen ändern sich weiterhin. Holen Sie für Ihre Umgebung ein aktuelles Angebot ein, bevor Sie rechnen. Entscheidend ist: Die Kosten für die Virtualisierung sind keine stabile Grösse mehr, und das ist ein guter Anlass, die Plattform grundsätzlich zu prüfen.

Proxmox VE und Proxmox Backup Server kurz erklärt

Proxmox VE ist eine Open-Source-Virtualisierungsplattform auf Basis von Debian Linux, entwickelt von der Proxmox Server Solutions GmbH in Wien. Die wichtigsten Bausteine:

  • KVM/QEMU für vollwertige virtuelle Maschinen, etwa Windows Server oder Linux.
  • LXC-Container für schlanke Linux-Systeme mit geringem Overhead.
  • Weboberfläche für Verwaltung, Konsole, Snapshots, Backups und Rechte, ergänzt durch CLI und REST-API.
  • Cluster: Mehrere Hosts bilden einen Cluster mit gemeinsamer Verwaltung, Live-Migration und Hochverfügbarkeit. Für ein stabiles Quorum braucht es mindestens drei Stimmen, also drei Hosts oder zwei Hosts plus ein externes Quorum-Gerät.
  • Speicher: Lokal mit ZFS, inklusive Replikation zwischen Hosts, hyperkonvergent mit Ceph oder klassisch über NFS, iSCSI oder Fibre Channel.

Proxmox VE ist ohne Subscription voll funktionsfähig. Die kostenpflichtige Subscription gibt Zugang zum Enterprise-Repository mit stärker getesteten Updates und, je nach Stufe, zum Hersteller-Support. Für produktive Umgebungen empfehlen wir sie, zwingend ist sie nicht.

Der Proxmox Backup Server ergänzt die Plattform: inkrementelle, deduplizierte Sicherungen, optionale clientseitige Verschlüsselung, Prüfjobs für die Integrität der Backups, Synchronisierung auf einen zweiten Standort und Wiederherstellung einzelner Dateien. Für ein KMU deckt das oft ab, wofür bisher ein separates Backup-Produkt lizenziert wurde.

Migrationswege von VMware zu Proxmox

Für die Übernahme bestehender VMs gibt es mehrere Wege:

  • Import direkt von ESXi: Neuere Versionen von Proxmox VE bringen einen Import-Assistenten mit. Sie binden einen ESXi-Host als Quelle ein und übernehmen VMs inklusive Konfiguration über die Weboberfläche.
  • OVF-Export: VMs als OVF exportieren und auf Proxmox mit qm importovf importieren.
  • Disk-Konvertierung: Einzelne VMDK-Dateien mit qm disk import an eine neu angelegte VM anhängen. Das ist der flexibelste, aber auch manuellste Weg.

Unabhängig vom Weg gilt: Die Migration ist eine Kopie. Planen Sie pro VM ein Wartungsfenster, und behalten Sie die Quell-VM ausgeschaltet, aber unverändert, bis die neue VM nachweislich läuft. Das ist Ihr Rückweg.

Tipp: Beginnen Sie mit einer unkritischen VM, etwa einem Testsystem oder einem Linux-Dienst. Die Erfahrungen daraus fliessen in ein Runbook, das Sie für die restlichen VMs wiederverwenden.

Was Sie vor dem Wechsel prüfen müssen

Windows-VMs und VirtIO-Treiber

Für gute Leistung nutzt Proxmox paravirtualisierte VirtIO-Geräte für Disk und Netzwerk. Windows bringt diese Treiber nicht mit. Installieren Sie die VirtIO-Treiber und den QEMU Guest Agent, idealerweise bereits vor der Migration, und entfernen Sie danach die VMware Tools. Wenn Windows nach dem Import nicht startet, ist meist der fehlende Storage-Treiber die Ursache. Dann zuerst mit einem emulierten Controller starten, Treiber installieren und umstellen. Beachten Sie auch, dass sich die Netzwerkkarte ändert: Statische IP-Konfigurationen müssen neu gesetzt werden.

Windows-Server-Lizenzierung

Windows Server wird pro physischem Core des Hosts lizenziert, unabhängig vom Hypervisor. Standard deckt pro vollständig lizenziertem Host zwei Windows-Server-VMs ab, Datacenter beliebig viele. Bei einem Cluster mit Live-Migration und HA muss jeder Host, auf dem VMs laufen können, entsprechend lizenziert sein. Prüfen Sie das vor dem Umbau, nicht erst beim nächsten Audit.

Backup, Restore und Hochverfügbarkeit

Ein Backup ist erst dann ein Backup, wenn die Wiederherstellung getestet ist. Testen Sie vor dem Produktivbetrieb die Wiederherstellung kompletter VMs und einzelner Dateien. Klären Sie zudem, welche Verfügbarkeit Sie wirklich brauchen: Hochverfügbarkeit mit automatischem Neustart auf einem anderen Host setzt gemeinsamen oder replizierten Speicher und ein stabiles Quorum voraus. ZFS-Replikation ist asynchron, im Fehlerfall verlieren Sie die Änderungen seit der letzten Replikation. Ceph ist synchron, verlangt aber mindestens drei Hosts und ein schnelles, eigenes Speichernetz.

Monitoring und Know-how

Proxmox kann Metriken an externe Systeme wie InfluxDB oder Graphite senden, und gängige Monitoring-Lösungen bieten Vorlagen für Proxmox. Das Monitoring muss aber eingerichtet werden. Der wichtigste Punkt ist das Know-how: Proxmox ist ein Linux-System. Ihr Team oder Ihr Dienstleister muss mit Linux, Netzwerkkonfiguration, ZFS oder Ceph umgehen können, auch nachts, wenn etwas ausfällt.

Achtung: Prüfen Sie die Support-Bedingungen Ihrer Fachapplikationen. Manche Hersteller unterstützen offiziell nur bestimmte Hypervisoren. Klären Sie das schriftlich, bevor die erste produktive VM umzieht.

Wann Sie nicht wechseln sollten

Proxmox ist nicht für jede Umgebung die bessere Wahl. Ein Wechsel ist meist nicht sinnvoll, wenn:

  • Ihr laufender VMware-Vertrag noch lange gilt und die Kosten tragbar sind. Dann planen Sie den Wechsel in Ruhe auf das Vertragsende hin.
  • Sie stark auf Produkte aus dem VMware-Ökosystem setzen, etwa Netzwerkvirtualisierung, Desktop-Virtualisierung oder automatisierte Disaster-Recovery-Lösungen, für die es auf Proxmox keinen direkten Ersatz gibt.
  • wichtige Fachapplikationen offiziell nur auf VMware unterstützt werden.
  • weder im Team noch bei einem Dienstleister Linux-Know-how verfügbar ist und auch nicht aufgebaut werden soll.
  • die Hardware ohnehin bald ersetzt wird und eine grundsätzliche Neuausrichtung ansteht, etwa in Richtung Cloud oder Managed Hosting.

Checkliste für die Entscheidung

Checkliste

  • Aktuelles VMware-Angebot eingeholt, Vertragsende bekannt
  • Inventar aller VMs mit Betriebssystem, Grösse, Abhängigkeiten und Kritikalität
  • Genutzte VMware-Funktionen erfasst und Ersatz auf Proxmox geklärt
  • Support-Aussagen der Fachapplikationshersteller eingeholt
  • Speicherkonzept entschieden: ZFS mit Replikation, Ceph oder externer Speicher
  • Anforderungen an Hochverfügbarkeit und Wiederherstellungszeiten definiert
  • Windows-Server-Lizenzierung für alle Hosts geprüft
  • Backup-Konzept mit Proxmox Backup Server oder bestehendem Produkt, Restore getestet
  • Monitoring eingerichtet, Betriebsverantwortung und Know-how geklärt
  • Pilot-VM migriert, Runbook erstellt, Rückweg für jede VM definiert

Der Wechsel zu Proxmox ist für viele KMU wirtschaftlich und technisch sinnvoll. Aber er ist ein Plattformwechsel, kein Lizenztausch. Wer ihn mit sauberem Inventar, getesteten Backups und klaren Verantwortlichkeiten angeht, gewinnt nicht nur Kostenkontrolle, sondern auch Unabhängigkeit.

Nils Lappenbusch

Nils Lappenbusch

Founder & Technology Architect, Lappenbusch

Schreibt hier über Probleme, die in echten Projekten auftreten: Microsoft 365, Security, Automatisierung und digitale Systeme. Hängen Sie gerade an genau diesem Thema? Dann lösen wir es gemeinsam, von der Diagnose bis zur Umsetzung.

Kontakt aufnehmen

Wo steckt Ihr Projekt gerade fest?

Erzählen Sie uns in 30 Minuten, worum es geht. Sie bekommen eine ehrliche Einschätzung und einen konkreten nächsten Schritt, auch wenn dieser nicht bei uns liegt.